Kachetien: Wein, Kunsthandwerk und wilde Bergwelt

Kachetien: Wein, Kunsthandwerk und wilde Bergwelt

Kachetien ist eine unglaublich vielseitige Region ganz im Osten von Georgien. Eingebettet zwischen den hohen Bergen des Großen Kaukasus im Norden und einer Steppenlandschaft an der Grenze zu Aserbaidschan im Süden und Osten, ist Kachetien sehr kontrastreich. Touristisch am bekanntesten ist sicherlich die Alasani-Ebene, die sich mitten durch die Region zieht und das Hauptweinbaugebiet Georgiens ist. Doch auch in den abgelegeneren Gebieten gibt es einiges zu entdecken!

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Anreise nach Georgien

Tiflis wird mehrmals wöchentlich von verschiedenen Fluggesellschaften der Lufthansa Group von München, Berlin und Wien aus angeflogen, je nach Saison gibt es zusätzlich auch Direktverbindungen ab Stuttgart, Düsseldorf und Zürich. Außerdem bieten Turkish Airlines und Pegasus Airlines von vielen Städten aus gute Umsteigeverbindungen über Istanbul an.

Da es in Georgien kein Nachtflugverbot gibt, starten und landen die meisten internationalen Flüge zwischen Mitternacht und 7 Uhr morgens. In die Stadt kommt man deshalb am einfachsten mit dem Taxi oder mit einem vorab über den Reiseveranstalter oder das Hotel gebuchten Transfer.

Wer auf eigene Faust in Georgien unterwegs ist, nutzt zur Fortbewegung vor Ort am besten die sehr beliebten Kleinbusse („Marschrutki“) oder einen Mietwagen, wobei die Straßenverhältnisse außerhalb der großen Städte schon gewöhnungsbedürftig sind.

Unterwegs im Osten Georgiens

Ich war in Kachetien und Tiflis unterwegs mit einer Textilreise von Georgia Insight, einem deutschsprachigen Reiseveranstalter, der auf Kultur- und Wanderreisen spezialisiert ist (s. Tipps & Tricks weiter unten). Dabei konnte ich nicht nur die üblichen touristischen Höhepunkte besuchen, sondern auch Kunsthandwerker und kleine Produzenten in abgelegeneren Gegenden kennenlernen und alles über die Herstellung ihrer Produkte erfahren: vom Gespräch mit einem Schäfer in Tuschetien über das Kandieren und Färben der Schafswolle bis hin zum Teppichknüpfen.

Der Unterschied zwischen den ländlichen Gebieten und den Touristenzentren oder gar Tiflis ist schon recht groß: noch nicht überall gibt es einen Gas- oder Wasseranschluss, die Straßen sind nicht immer befestigt und es kann gut sein, dass man unterwegs auf frei laufende Kühe trifft. Doch auch wenn hier der Lebensstandard deutlich niedriger ist als in Westeuropa, sind die Menschen unglaublich gastfreundlich!

Weinbau in der Alasani-Ebene

Die Wiege des Weins

Kachetien ist international als die Wiege des Weins bekannt. Archäologische Funde belegen, dass in Georgien bereits vor über 8.000 Jahren Trauben angebaut und zu Wein verarbeitet wurden — die längste ununterbrochene Weintradition der Welt.

Das Herzstück dieser Tradition ist die Alasani-Ebene und hier insbesondere der ungefähr fünfzig Kilometer lange Abschnitt zwischen dem Verwaltungszentrum Telawi und dem südöstlich gelegenen Dorf Bakurtsikhe. Geografisch liegt dieses Anbaugebiet ideal: Es wird im Norden durch die hohen Gipfel des Großen Kaukasus geschützt und im Süden durch die Gombori-Bergkette begrenzt. Diese Umgebung schafft ein gemäßigtes Klima mit fruchtbaren Böden und optimalen Niederschlagsmengen, perfekt für Rebsorten wie Saperavi (rot) und Rkatsiteli (weiß).

Einzigartig ist auch die traditionelle georgische Weinherstellung in den Kwewri — großen Tonamphoren, die bis zu mehrere tausend Liter fassen und in den Boden eingelassen werden. In diesen Gefäßen gärt und reift der Wein zusammen mit der Maische, was ihm seinen charakteristischen Geschmack verleiht. Die Kwewri-Methode wurde 2013 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt.

Das Weingut Mosmieri

In jedem Ort an der Straße zwischen Telawi und Bakurtsikhe gibt es mindestens ein Weingut. Viele davon bieten Weinproben an, auf einigen kann man auch übernachten. Eines davon ist das sehr schön gelegene Weingut Mosmieri. Das moderne Gut ist bekannt für seine qualitativ hochwertigen Weine, insbesondere aus der weißen Rebsorte Kisi.

Neben dem Shop mit professioneller Weinverkostung und dem hervorragenden Restaurant mit seiner schönen Terrasse gibt es eine kleine Ausstellung mit traditionellen Geräten zur Weinherstellung. Das zugehörige Hotel liegt etwas zurückversetzt umgeben von Weingärten. Die sehr komfortablen Zimmer verteilen sich auf verschiedene kleine Gebäude, die um einen schönen Pool gruppiert sind.

Die Fürstenresidenz Zinandali

Nur knapp fünf Kilometer vom Weingut Mosmieri entfernt liegt das Dorf Zinandali, aus dem der berühmte gleichnamige Weißwein stammt. Das Weingut gehörte der Fürstenfamilie Chavchavadze und ist heute ein Museum, das im Rahmen einer Führung besichtigt werden kann. Die Führungen finden regelmäßig in verschiedenen Sprachen statt, auch auf Deutsch.

Fürst Alexander Chavchavadze war selbst ein bedeutender Dichter und sein Landsitz wurde zum Treffpunkt bekannter Literaten, darunter Alexandre Dumas und Alexander Puschkin. Anhand der ausgestellten Gemälde, Möbel und Alltagsgegenstände bekommt man einen guten Eindruck davon, wie der georgische Adel Anfang des 19. Jahrhunderts gelebt hat. Die Besichtigung endet in einem Verkostungsraum im Untergeschoss, wo man auch selbst ein Glas Zinandali probieren kann.

Zu dem wunderschönen Anwesen gehören neben dem Landhaus der Fürstenfamilie auch ein großer Park mit teils exotischen Pflanzen und der beeindruckende historische Weinkeller. In der Schatzkammer des Weinkellers, die ebenfalls besichtigt werden kann, lagern tausende Weinflaschen, einige davon stammen noch aus dem 19. Jahrhundert!

Über dem historischen Weinkeller steht heute der Hotelkomplex Tsinandali Estate. Das Hotel der Radisson Collection ist zwar recht modern, fügt sich aber erstaunlich gut in die Parklandschaft mit ihren historischen Gebäuden ein. Hier findet auch jedes Jahr Anfang September ein hochkarätiges Festival für klassische Musik statt.

Sighnaghi

Noch weiter südöstlich liegt hoch oben auf einem Hügel mit atemberaubendem Blick über die Alasani-Ebene und den Großen Kaukasus das Städtchen Sighnaghi. Die engen, verwinkelten Straßen sind gesäumt von sehr schön renovierten Häusern im italienischen Stil. Auch die Stadtmauer ist sehr gut erhalten. Durch die aufwendige Restaurierung der letzten Jahre ist Sighnaghi zum Anziehungspunkt für viele Touristen geworden. Trotzdem ist der Ort absolut sehenswert!

Direkt im Zentrum befindet sich mit dem Sighnaghi National Museum (8 Rustaveli blind-Alley, Sighnaghi) eine Zweigstelle des Georgischen Nationalmuseums Tiflis. Die Ausstellung des sehenswerten Museums umfasst archäologische Funde, Kunsthandwerk sowie Bilder des bekannten georgischen Künstlers Niko Pirosmani, dem man in Sighnaghi und Umgebung des Öfteren begegnet. Pirosmani ist in Mirzaani, ungefähr eine halbe Stunde von Sighnaghi entfernt, geboren und aufgewachsen. Dort steht neben dem ehemaligen Wohnhaus der Familie auch ein Pirosmani-Museum, das jedoch auf unbestimmte Zeit geschlossen ist.

Das Atelier Pesvebi

In der Stadt Dedopliszqaro, südöstlich von Sighnaghi in Richtung Aserbaidschan, befindet sich das Atelier Pesvebi (9 Dzma St. 3rd Turn, #6, Dedoplistskaro). Der Besuch in dieser Textilwerkstatt, die Teil des Netzwerks der Georgian Heritage Crafts Association ist, war eines meiner Highlights der Reise durch Georgien! In diesem von Frauen betriebenen Atelier werden seit beinahe zwanzig Jahren handgewobene Teppiche und Taschen auf traditionelle kizikische Art hergestellt. Die Kunsthandwerkerinnen verwenden lokal gewonnene Wolle und rein natürliche Färbemittel, um ihre Werke mit traditionellen Mustern und Ornamenten zu fertigen. Im Atelier werden auch Workshops zur Einführung in die traditionelle Kunst des Teppichwebens angeboten, bei denen man selbst Hand anlegen darf.

Das Kloster Alawerdi

Ganz im Westen der Alasani-Ebene liegt das Kloster Alawerdi (Akhmeta Municipality Alaverdi Monastery, 0906, Georgien), eines der heiligsten und architektonisch bedeutendsten Bauwerke Georgiens. Sein Herzstück ist die majestätische Kathedrale aus dem 11. Jahrhundert, die bis in die Neuzeit das höchste Kirchengebäude des Landes war.

Die mächtige Kreuzkuppelkirche ist von einer hohen Festungsmauer umgeben und imponiert durch ihre Höhe, die beeindruckenden Wandgemälde im Eingangsbereich und ihren hellen Innenraum. Das Kloster wurde bereits im 4. Jahrhundert gegründet und ist noch heute ein wichtiger Ort der georgisch-orthodoxen Kirche, an dem Mönche leben und die alte Tradition des Weinbaus fortführen.

Am Fuß des Großen Kaukasus

Tuschetien

Im Großen Kaukasus, ganz im Norden von Kachetien an der Grenze zu Tschetschenien und Dagestan, liegt eine der abgelegensten und landschaftlich spektakulärsten Bergregionen Georgiens: Tuschetien, das Land der Schafe. Die Zufahrt erfolgt über den in knapp 3.000 Meter Höhe gelegenen, extrem anspruchsvollen und nur im Sommer befahrbaren Abano-Pass. Völlig zu Recht sind Mietwagen auf der Passstraße nicht erlaubt und auch erfahrene Fahrer brauchen mit ihren Allrad-Fahrzeugen mindestens fünf Stunden für die 72 Kilometer lange Strecke.

Im Tal auf der anderen Seite des Passes liegt eine komplett andere Welt: Hier gibt es endlose Weideflächen und Wälder, riesige Schafherden, aber auch Wölfe, Luchse und Bären. Viele Tuschen leben immer noch von der Schafzucht und verkaufen ihre qualitativ hochwertige Wolle und ihren Käse. Bis auf wenige Ausnahmen ist das tuschetische Hochland jedoch nur in den Sommermonaten bewohnt. Spätestens Ende September ziehen auch die Hirten samt Schaf- und Kuhherden wieder zurück ins Alasani-Tal.

Omalo in ca. 2.050 Meter Höhe ist das zentrale Dorf in Tuschetien und dient als Ausgangspunkt für Erkundungen, Wanderungen und Ausritte. Hier gibt es auch einige sehr einfache, aber saubere Gästehäuser. Oberhalb des Dorfs liegt die Festung Kesselo mit ihren Wehrtürmen, von der man einen tollen Ausblick auf das tuschetische Bergland hat.

Ungefähr fünfzehn Kilometer nördlich von Omalo befindet sich das malerische Dorf Dartlo, das für seine restaurierten Wehrtürme und Wohnhäuser aus Schieferstein bekannt ist. Die für die Bergregionen des Nordkaukasus typischen Wehrtürme gehen bis ins 12. und 13. Jahrhundert zurück. Sämtliche Gebäude in Dartlo sind sehr dicht aneinander gebaut, um im Fall eines Angriffs Schutz zu bieten. Am Rand von Dartlo gibt es außerdem einen uralten, halbkreisförmigen Richtplatz zu sehen sowie die Überreste einer Kirche.

Zurück in Kachetien auf der anderen Seite des Abano-Passes liegen die Dörfer, in denen der Großteil der tuschetischen Schafhirten außerhalb der Sommermonate lebt. In Kvemo Alvani betreibt die in Georgien sehr bekannte ehemalige Lehrerin Lili Murtazashvili ein Atelier mit kleinem Hausmuseum. Hier erfährt man, wie die tuschetische Schafswolle weiterverarbeitet wird: vom Kandieren und Spinnen der Wolle übers Färben mit Pflanzenfarben bis hin zur Herstellung der typischen Teppiche, Socken und Hausschuhe.

Pankissi-Tal

Nur wenige Kilometer westlich von Kvemo Alvani geht es ab ins landschaftlich sehr schöne Pankissi-Tal. Das Tal wird hauptsächlich von Kisten und Tschetschenen bewohnt und ist muslimisch geprägt. Lange Zeit galt die Gegend als nicht sicher, aber auf Initiative von Nazy Dakishvili wird das Tal nun langsam für den Tourismus erschlossen. Sie hat 2013 das erste Gästehaus (Jokolo village, Pankisi Gorge, Jokolo 0900) eröffnet, in dem auch wir übernachtet haben, und seither weitere Einheimische davon überzeugt, Gästehäuser aufzumachen und Workshops oder Wanderungen anzubieten.

Essen & Trinken

Das Restaurant Pheasant’s Tears in Sighnaghi war eines der besten Restaurants auf meiner Reise. Es gehört zum gleichnamigen Weingut, das von dem aus den USA stammenden Künstler John Wurdeman gegründet wurde. Hier gibt es hervorragende regionale Küche mit frischen Zutaten und natürlich die tollen Weine des Weinguts. In einem Nebenraum kann man außerdem die Werke des Gründers bewundern.

Das Restaurant im Weingut Mosmieri bietet gehobene georgische Küche passend zu den hauseigenen Weinen. Vom verglasten Restaurant oder der vorgelagerten Terrasse kann man den atemberaubenden Blick auf die Alasani-Ebene und den Großen Kaukasus genießen.

Tipps & Tricks

Mein Aufenthalt in Georgien war im Rahmen einer Textilreise mit Georgia Insight. Der sehr empfehlenswerte deutschsprachige Reiseveranstalter ist auf Kultur- und Wanderreisen für Kleingruppen und Individualreisende spezialisiert. Neben klassischen Rundreisen hat er zahlreiche Reisen zu bestimmten Themen im Programm, wie Literatur, Landwirtschaft oder eben die lokale Woll- und Seidenproduktion. Außerdem werden regelmäßig Stadtführungen in Tiflis zu verschiedenen Themen angeboten.

In vielen Hotels, Restaurants und Geschäften in Tiflis kann man problemlos mit Kreditkarte bezahlen. Trotzdem ist es ratsam, für Einkäufe in kleineren Läden und insbesondere auf dem Land Bargeld in der Landeswährung Lari zu haben. In größeren Städten gibt es häufig Wechselstuben, in denen man einfach und zu einem recht guten Kurs Dollar oder Euro in Lari wechseln kann. Auch Geldautomaten sind in größeren Städten verbreitet, an denen man mit Kreditkarte Geld abheben kann.

Wer gerne georgischen Wein mit nach Hause nehmen möchte, findet am Flughafen einen separaten Duty Free Shop nur für Wein. Die Auswahl ist wirklich groß und es sind Weine aus verschiedenen Regionen Georgiens im Angebot.

2 Gedanken zu „Kachetien: Wein, Kunsthandwerk und wilde Bergwelt

  1. Hallo Katrin, ganz toller Bericht mit eindrucksvollen Bildern und passenden Texten. 1990 waren wir meist in Tbilissi und haben Klöster besucht. Besonders haben uns die Weinproben mit den Trinksprüchen gefallen es gab auch exzellente Folklore.
    Viele Onkel Winner

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